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Mel Wolfen

Es ist nicht wichtig, was in deinem Leben passiert …

Innehalten?

Paris 2015

In der Nacht vom 13. auf den 14. November 2015 hatte ich das zweifelhafte Vergnügen und war wach. Ich musste arbeiten und herzte mich gerade in einer kleinen Pause durch meine Timeline auf Twitter, als die ersten Tweets von in Paris lebenden Kontakten meine Konzentration durcheinanderbrachten.
Was war los? Geiselnahme? Mehrere Bombenattentate? In Frankreich und nur wenige hundert Kilometer entfernt? Einige Klicks später verfolgte ich das Grauen live durch die Nacht über den Bildschirm meines Telefons. Fassungs- und sprachlos.
Frankreich grenzt an die Schweiz. Paris ist 713 km von meinem Wohnort Weinfelden entfernt und damit deutlich näher als meine Heimat an der Ostseeküste. Der Krieg ist da und steht vor unserer Haustür.
Aus einem ersten Gefühl der Trauer und Anteilnahme den Opfern und Hinterbliebenen gegenüber dachte ich, ich sollte innehalten, um so dem Schrecken Ausdruck zu verleihen, den die Ereignisse dieser Nacht in mir auslösten. Der Anschlag und die Hinrichtungen in dem Club Bataclan hätten auch mich und meine Frau treffen können, auch wenn wir diesen Club noch nie besucht haben. Wir sind passionierte Konzertgänger, lieben Livemusik und …
Am Morgen des 14.11.2015, die Situation in Paris hatte sich beruhigt, das Ausmaß der Anschläge zeichnete sich immer deutlicher ab, kehrte in den sozialen Medien langsam wieder Normalität ein. Man stand auf, grüßte sein Netzwerk, markierte Posts, machte Werbung für sein Produkt und andere Aktionen und man lachte.
Bitte?
Die Sorglosigkeit, die zwischen den Posts der Anteilnahme über den Bildschirm fluppte, verwunderte mich, und auch jetzt noch, wenige Tage nach diesem erneuten Anschlag auf unser aller Freiheit, fällt es mir schwer zur Normalität überzugehen.
Doch genau das ist das Zeichen, das es zu setzen gilt. Angepasste Avatare und Profilbilder in den sozialen Netzwerken sind in Ordnung. Kerzen in den Fenstern sind schön. Eine Schweigeminute auch, es wird so oder so zu viel geredet. Aber sich nicht verschreckt im Schrank einzuschließen sollte wie eine Flagge, begleitet von einem kollektiv ausgestreckten Mittelfinger, in Richtung der Terroristen wehen und die Botschaft von der Freiheit des Individuums auch in die dunkelsten Winkel der Gegenwart transportieren.

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